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BUCH DES SÄNGERS.





Derb und Tüchtig.


|26| Dichten ist ein Uebermuth,
Niemand schelte mich!
Habt getrost ein warmes Blut
Froh und frey wie ich.

Sollte jeder Stunde Pein
Bitter schmecken mir;
Würd’ ich auch bescheiden seyn
Und noch mehr als ihr.

Denn Bescheidenheit ist fein
Wenn das Mädchen blüht,
Sie will zart geworben seyn
Die den Rohen flieht.

Auch ist gut Bescheidenheit
Spricht ein weiser Mann,
Der von Zeit und Ewigkeit
Mich belehren kann!

|27| Dichten ist ein Uebermuth!
Treib’ es gern allein.
Freund und Frauen, frisch von Blut,
Kommt nur auch herein.

Mönchlein ohne Kapp’ und Kutt’
Schwatze nicht auf mich ein,
Zwar du machest mich caput,
Nicht bescheiden! Nein.

Deiner Phrasen leeres Was
Treibet mich davon,
Abgeschliffen hab’ ich das
An den Solen schon.

Wenn des Dichters Mühle geht
Halte sie nicht ein:
Denn wer einmal uns versteht
Wird uns auch verzeihn.


Entstehung: 26.07.1814,
Originalpaginierung: 26–27
Johann Wolfgang von Goethe
West–oestlicher Divan
Stuttgart 1819


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