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BUCH SULEIKA.





Hatem.


|145| Wie des Goldschmieds Bazarlädchen
Vielgefärbt, geschliffne Lichter,
So umgeben hübsche Mädchen
Den beynah ergrauten Dichter.

Mädchen.

Singst du schon Suleika wieder!
Diese können wir nicht leiden,
Nicht um dich — um deine Lieder
Wollen, müssen wir sie neiden.

Denn wenn sie auch garstig wäre
Machtst du sie zum schönsten Wesen,
Und so haben wir von Dschemil
Und Boteinah viel gelesen.

|146| Aber eben weil wir hübsch sind
Möchten wir auch gern gemalt seyn,
Und, wenn du es billig machest,
Sollst du auch recht hübsch bezahlt seyn.

Hatem.

Bräunchen komm! Es wird schon gehen.
Zöpfe, Kämme groß und kleine,
Zieren Köpfchens nette Reine
Wie die Kuppel ziert Moscheen.

Du Blondinchen bist so zierlich,
Aller Weis’ und Weg’ so nette,
Man gedenkt nicht ungebührlich
Also gleich der Minarette.

Du dahinten hast der Augen
Zweyerley, du kannst die beyden,
Einzeln, nach Belieben brauchen.
Doch ich sollte dich vermeiden.

|147| Leichtgedrückt die Augenlieder
Eines, die den Stern bewhelmen
Deutet auf den Schelm der Schelmen,
Doch das andre schaut so bieder.

Dies, wenn jen’s verwundend angelt,
Heilend, nährend wird sich’s weisen.
Niemand kann ich glücklich preisen
Der des Doppelblicks ermangelt.

Und so könnt’ ich alle loben
Und so könnt’ ich alle lieben:
Denn so wie ich euch erhoben
War die Herrin mit beschrieben.

Mädchen.

Dichter will so gerne Knecht seyn,
Weil die Herrschaft draus entspringet;
Doch vor allem sollt’ ihm recht seyn,
Wenn das Liebchen selber singet.

|148| Ist sie denn des Liedes mächtig?
Wie’s auf unsern Lippen waltet:
Denn es macht sie gar verdächtig
Daß sie im Verborgnen schaltet.

Hatem.

Nun wer weiß was sie erfüllet!
Kennt ihr solcher Tiefe Grund?
Selbstgefühltes Lied entquillet,
Selbstgedichtetes dem Mund.

Von euch Dichterinnen allen
Ist ihr eben keine gleich:
Denn sie singt mir zu gefallen,
Und ihr singt und liebt nur euch.

Mädchen.

Merke wohl, du hast uns eine
Jener Huris vorgeheuchelt!
Mag schon seyn, wenn es nur keine
Sich auf dieser Erde schmeichelt.

Entstehung: 10.10.1815
Originalpaginierung: 145–148
Johann Wolfgang von Goethe
West–oestlicher Divan
Stuttgart 1819


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