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DAS SCHENKENBUCH.





Sommernacht.


Dichter.

|201| Niedergangen ist die Sonne,
Doch im Westen glänzt es immer,
Wissen möch’ ich wohl, wie lange
Dauert noch der goldne Schimmer?

Schenke.

Willst du, Herr, so will ich bleiben,
Warten außer diesen Zelten,
Ist die Nacht des Schimmers Herrinn,
Komm’ ich gleich es dir zu melden.

Denn ich weiß du liebst das Droben,
Das Unendliche zu schauen,
Wenn sie sich einander loben
Jene Feuer in dem Blauen.

|202| Und das hellste will nur sagen:
Jetzo glänz’ ich meiner Stelle,
Wollte Gott euch mehr betagen,
Glänztet ihr wie ich so helle.

Denn vor Gott ist alles herrlich,
Eben weil er ist der beste,
Und so schläft nun aller Vogel
In dem groß und kleinen Neste.

Einer sitzt auch wohl gestängelt
Auf den Aesten der Cypresse,
Wo der laue Wind ihn gängelt
Bis zu Thaues luft’ger Nässe.

Solches hast du mich gelehret,
Oder etwas auch dergleichen,
Was ich je dir abgehöret
Wird dem Herzen nicht entweichen.

Eule will ich, deinetwegen,
Kauzen hier auf der Terrasse,
Bis ich erst des Nordgestirnes
Zwillings–Wendung wohl erpasse.

|203| Und da wird es Mitternacht seyn,
Wo du oft zu früh ermunterst,
Und dann wird es eine Pracht seyn,
Wenn das All mit mir bewunderst.


Dichter.

Zwar in diesem Duft und Garten
Tönet Bulbul ganze Nächte,
Doch du könntest lange warten
Bis die Nacht so viel vermöchte.

Denn in dieser Zeit der Flora,
Wie das Griechen–Volk sie nennet,
Die Strohwittwe, die Aurora
Ist in Hesperus entbrennet.

Sieh dich um! sie kommt! wie schnelle!
Ueber Blumenfelds Gelänge! —
Hüben hell und drüben helle,
Ja die Nacht kommt ins Gedränge.

Und auf rothen leichten Solen
Ihn, der mit der Sonn’ entlaufen,
Eilt sie irrig einzuhohlen;
Fühlst du nicht ein Liebe–Schnaufen?

|204| G’h nur, lieblichster der Söhne,
Tief in’s Innre schließ die Thüren;
Denn sie möchte deine Schöne
Als den Hesperus entführen.

Entstehung: 16.12.1814
Originalpaginierung: 201–204
Johann Wolfgang von Goethe
West–oestlicher Divan
Stuttgart 1819


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